Resilienz in der Gestalttherapie

Einleitung:

Diese Arbeit soll die Schnittstellen zwischen dem Begriff Resilienz und der Gestalttherapie erforschen, also erkunden, wie sich die Resilienzforschung mit der Theorie, den Methoden und der Anwendung in der Gestalttherapie vereinbaren lässt. Da ich keine gestalttherapeutischen Quellen zum Thema Resilienz gefunden habe, verwende ich Quellen aus anderen Bereichen und bringe sie mit dem Gestaltansatz in Verbindung. 

Was ist Resilienz?

Re|si|li|enz, von lat. resilire, „zurück-, abprallen“, meint die psychische Widerstandsfähigkeit. Der Begriff beschreibt die Fähigkeit einer Person, mit den Widrigkeiten des Lebens, seien es Traumata, Krankheiten oder sonstige kritische Lebensereignisse und Stressbelastungen, umzugehen und sie so zu verarbeiten, dass keine bleibende Beeinträchtigung entsteht. Es ist also die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. 

Der Begriff der Resilienz ist der Werkstoffkunde entlehnt. Dort beschreibt Resilienz die Eigenschaft eines Werkstoffes, nach Verformung oder Druckeinwirkung wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren. Ein resilienter Werkstoff kann also Belastungen ertragen, ohne sich dabei dauerhaft zu verformen oder Schaden zu nehmen. 

Ähnlich wie der Werkstoff verhält sich auch eine resistente Psyche. Denn es lässt sich auch nicht verhindern, dass negative, schmerzhafte, dramatische oder auch einfach stressreiche und überlastende Situationen im Leben eines jeden Menschen vorkommen. Derjenige aber, der über ausreichend Resilienz verfügt, kann mit diesen Situationen und Belastungen so umgehen, dass nicht dauerhaft aus der Bahn geworfen wird. Ganz im Gegenteil: Im Idealfall wird dieser Mensch sogar gestärkt und mit großer psychischer Widerstandskraft seinen weiteren Weg gehen. 

Wer in der Psychologie nach verwandten Konzepten sucht, wird zum Beispiel bei dem von Aaron Antonovsky vertretenen Modell der Salutogenese fündig, also der Lehre von den Bedingungen, unter denen Gesundheit entsteht. Als Gegenbegriff zur Resilienz wird meist die Vulnerabilität genannt, die verletzliche, verwundbare Psyche eines Menschen und ihre Gefährdung bezeichnet. Dabei ist festzuhalten, dass Resilienz nicht die Unverwundbarkeit meint, sondern eine psychische Widerstandskraft, die sich im Umgang mit der eigenen Verwundbarkeit entwickelt, im Wissen, dass die eigene Identität und das eigene Selbstverständnis durch Schicksalsschläge in Frage gestellt oder beschädigt werden können. 

Resilienzforschung

Ihren Ausgangspunkt hatte die Resilienzforschung in der Entwicklungspsychologie. Im Fokus standen die langfristigen Folgen kritischer Entwicklungsbedingungen für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Es wurde angenommen, dass einzelne Faktoren eine gesunde Entwicklung erschweren oder sogar verhindern können. Die Auswirkungen ebendieser Faktoren wurden untersucht.

Die wohl bekannteste und einflussreichste Studie wurde auf der hawaiianischen Insel Kauai durchgeführt. Die Entwicklungspsychologin Emmy E. Werner und ihre Kollegin Ruth Smith erhielten die Möglichkeit, alle im Jahr 1955 auf der Insel geborenen Kinder über längere Zeit zu beobachten bzw. in eine Längsschnittstudie aufzunehmen und auf diese Weise ihre Entwicklung und ihr Aufwachsen zu begleiten. Von den untersuchten 698 Kindern waren 210 Kinder einem hohen Entwicklungsrisiko ausgesetzt, weil mindestens vier der folgenden Risikofaktoren zutrafen: Stress vor der Geburt, Armut, chronisch familiäre Disharmonie, Vernachlässigung, familiäre Gewalt und Misshandlung, psychisch kranke oder alkoholabhängige Eltern. Wie erwartet entwickelten zwei Drittel der Kinder, die solchen Risikofaktoren ausgesetzt waren, Lern- und Verhaltensauffälligkeiten, manche von ihnen wurden sogar straffällig.

Viel spannender, weil unerwartet, war aber die Entwicklung des letzten Drittels (72 Kinder) dieser Hochrisikogruppe. Diese wuchsen zu zuversichtlich, erfolgreich, optimistisch und verantwortungsvoll beschriebenen Erwachsenen mit guten sozialen Kompetenzen heran. Offensichtlich gab es in ihrem Leben schützende und stabilisierende Faktoren und Ressourcen, die sie zwar verletzlich, aber doch in gewisser Weise unbesiegbar (»vulnerable but invincible«), also resilient, machten.

In der Resilienzforschung bei Kindern und Jugendlichen geht es auch heute noch vor allem darum, diese Schutzfaktoren zu identifizieren und Möglichkeiten zu finden, diese durch Präventionsmaßnahmen zu fördern.

Auch bei der Erforschung der Resilienz von Erwachsenen, deren Geschichte nicht so weit zurückreicht, geht es darum, die Faktoren zu identifizieren, die Menschen sowohl gegenüber alltäglichen chronischen Belastungssituationen wie auch gegenüber kritischen Lebensereignissen und traumatischen Erfahrungen widerstandsfähiger machen. Anstatt also weiterhin die negativen Auswirkungen von Stress und Traumata zu erforschen, wird spätestens seit der Wende zur Positiven Psychologie der Fokus nun auch darauf gerichtet, welche Kräfte und Ressourcen dabei helfen, Stress und Leid besser zu ertragen und möglichst unbeschadet zu überwinden.

Schließlich ist immer der Einfluss der sozialen Umwelt auf die Entwicklung der Resilienz eines Menschen zu beachten. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass soziale Unterstützung und wertschätzende, ermutigende Beziehungserfahrungen wesentlich zu höherer Resilienz beitragen.

Unabhängig von diesen Ansätzen ist klar, dass Resilienz darüber hinaus keine allgemeine und über alle Zeiten, Situationen und Lebensbereiche hinweg stabile Eigenschaft ist. Es kann sein, dass jemand Phasen erlebt, in denen die sonst vorhandene Widerstandskraft erhöhter Vulnerabilität weicht. Außerdem kann ein Mensch gute Bewältigungsstrategien gegenüber bestimmten Stressoren haben, für andere aber nicht ausreichend gerüstet sein.

Faktoren der Resilienz

In der Fachliteratur werden unterschiedliche Kompetenzen von Personen, kognitive Verarbeitungsmuster, Bewertungsprozesse sowie soziale und soziokulturelle Ressourcen als Resilienz- oder Schutzfaktoren beschrieben.

Wesentlich ist die Feststellung, dass, anders als lange Zeit angenommen, Resilienz keine ausschließlich sozialisationsbedingte Kompetenz ist, bei der wir Glück haben können oder Pech, wenn wir eben unter ungünstigen Verhältnissen aufgewachsen sind. Vielmehr zeigen uns zum Beispiel die Forschungsergebnisse der modernen Neuropsychologie, dass wir bis ins hohe Alter Denk- und Verhaltensmuster neu lernen oder aber alte Muster verändern können. Nicht von heute auf morgen, aber mit entsprechendem Bewusstsein und Ausdauer haben wir alle jederzeit die Chance, unser seelisches Immunsystem zu trainieren und stärker zu machen. Resilienz ist also erlernbar. 

Doch was sind Merkmale von guter Resilienz? Schauen wir uns einige Resilienzfaktoren genauer an:

Positive Emotionen und Emotionssteuerung

Für eine gute Resilienz ist es hilfreich, seine Emotionen steuern zu können, um etwa in der Lage zu sein, auch in schmerzhaften Zeiten positive Emotionen zu erleben. Menschen, die auch in schwierigen Situationen in der Lage sind, positive Emotionen zu erleben, verfügen also über eine höhere Resilienz, so die maßgeblich an der Weiterentwicklung der Positiven Psychologie beteiligte amerikanische Psychologin Barbara Fredrickson.

Da positive Emotionen den unangenehmen oder gar schädigenden Emotionen entsprechend entgegentreten, ist es außerdem von großer Bedeutung, Emotionsregulationskompetenzen zu entwickeln. Dies hilft, um perspektivisch vor allem mit den unangenehmen Emotionen konstruktiv umzugehen und sich zweitrangig auch von ihnen distanzieren zu können.

Grundsätzlich sind wir von der Evolution her wesentlich besser darauf trainiert, die Probleme und Schwierigkeiten, also das Negative in unserem Leben, stärker zu beachten und zu analysieren als das Positive. Denn im Zweifel haben die Stressreaktion und die Aufmerksamkeitsfokussierung auf die Bedrohungen das Überleben unserer eiszeitlichen Vorfahren gesichert, und in mancher Situation sichern sie es auch heute noch.

Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass Menschen mit höherer Resilienz besser in der Lage sind, sich aus diesem Teufelskreis zu befreien. Es gelingt ihnen eher, den Blick vom Stress, von ihrem Leid oder ihrer Belastung abzuwenden und auch die guten, schönen und wohltuenden Dinge in ihrem Leben wahrzunehmen und sich an ihnen zu freuen. Das bewirkt neurophysiologisch einen schnelleren Rückgang der neuronalen Erregung.

Bei der Emotionsregulierung geht es dabei nicht darum, die unangenehmen Emotionen zu vermeiden oder sie zu unterdrücken und zu verdrängen. Gefühle sollen angenommen und ausgedrückt werden, dann kann man sie auch wieder loslassen. Denn jedes dieser als unangenehm oder negativ erlebten Gefühle liefert uns wichtige Informationen darüber, dass wir Bedürfnisse und/oder für uns wichtige Ziele als bedroht wahrnehmen. Es lohnt sich darum auf jeden Fall, genau hinzuspüren und das zu erkennen und wahrzunehmen, was uns belastet, um mit der Krise, in der wir uns befinden, gut umgehen zu können.

Und aus der Distanz heraus lässt sich auch leichter eine neue Perspektive zur belastenden Situation einnehmen, oder es gelingt, auch mal ein vielleicht bisher ungewohntes Verhalten auszuprobieren und einzuüben, um so dem Ziel der Stressreduktion näher zu kommen. Das alles zusammen stellt aus psychologischer Sicht einen resilienten Umgang mit Emotionen dar – sie werden wahrgenommen und beachtet, aber wir erlauben ihnen nicht, uns zu beherrschen.

Disponitioneller Optimismus:

Hilfreich ist weiterhin die Fähigkeit, eine realistisch optimistische Perspektive auf die Dinge einzunehmen. Es zeigt sich, dass Optimismus sowohl das weitere Verhalten als auch die Wahl der Bewältigungsstrategien in hohem Maße beeinflusst. Optimistische Menschen erwarten eher positive Konsequenzen und positive Ergebnisse, und sie legen zudem eine größere Handlungs- und Durchhaltebereitschaft an den Tag als Pessimisten. So kommt es, dass sie nach einem Misserfolg nicht gleich aufgeben, sondern nach anderen, neuen Wegen suchen, die Herausforderung zu bewältigen. Und sie bleiben entschlossen dran, wenn es darum geht, Veränderung zu bewirken. Andererseits zeichnen sich Optimisten auch dadurch aus, dass es ihnen gelingt, sich dort, wo sie ein Ziel tatsächlich nicht erreichen können, schneller von diesem Ziel zu lösen als Pessimisten und sich neuen Zielen zuzuwenden.

Selbstwirksamkeitserwartung

Schließlich gehört eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung dazu, das heißt die Überzeugung, etwas aus eigener Kraft bewältigen zu können. Die Selbstwirksamkeitserwartung lässt sich insofern definieren als die subjektive Erwartung einer Person, Anforderungen gewachsen zu sein und sie entsprechend angemessen aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln bewältigen zu können. Sie legen einen ausgeprägten strategisch-lösungsorientierten Umgang mit der Anforderung oder Belastungssituation und sind gleichzeitig in der Lage, die Belastung innerlich zu einer Herausforderung ins Positive umzudeuten.

Diese positiven Momente einer hohen Selbstwirksamkeitserwartung machen deutlich, dass es sich beim Aufbau von Resilienz lohnt, den Blick auf die kontrollier- und beeinflussbaren Aspekte zu konzentrieren, um sich selbst als das eigene Leben aktiv gestaltend wahrzunehmen. Allein schon die Konzentration auf das Veränderbare lässt die anderen Dinge, die man nicht beeinflussen kann, leichter ertragen.

Soziale Einbindung und Unterstützung

In krisenhaften Lebenssituationen sind stabile und vertraute soziale Netzwerke außerordentlich wichtig und schützend. Diese schützende Wirkung eines guten Netzwerks und sozialer Unterstützung auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit ist in vielen Studien gut belegt worden, wie bei der o.g. Resilienzforschung von Emmy Werner in der Kauai-Studie.

Bei der Betrachtung der sozialen Interaktionen lassen sich verschiedene Ebenen voneinander unterscheiden: Neben der häufig in den Vordergrund gerückten emotionalen Unterstützung (Trost, Verständnis, Zugehörigkeit und Rückhalt) sind dies sowohl die rein praktisch-instrumentelle (wie finanzielle oder Sachmittel) als auch die informationelle Unterstützung. Um Hilfe zu bitten, zeugt also nicht von Schwäche, sondern wird als Ressource angesehen, sich in schwierigen Situationen Unterstützung zu holen. Durch starke Bindungen fühlen wir uns sicherer in unsicheren Zeiten. 

Die eigene Netzwerkorientierung gilt als wichtig. Ein Netz muss schon gesponnen sein, damit es auch etwas halten kann. Das heißt, es ist sinnvoll, Beziehungen dauerhaft zu pflegen und somit aufrecht zu erhalten. Es gibt sicher Menschen, die gerne helfen. Doch auch diese fühlen sich irgendwann ausgenutzt, wenn man sich nur bei Problemen an sie wendet. Daher ist es wichtig, regelmäßig Ihre Kontakte zu pflegen. Dadurch sind diese eher bereit, Sie in der Krise zu unterstützen. Besonders Menschen mit gleichen oder ähnlichen Erfahrungen können aktiv bei der Krisenbewältigung helfen und stärken so die Resilienz. Ein resilientes Netzwerk hilft besonders, wenn man davon auch Gebrauch macht.

Köhärenzgefühl

Das „sense of coherence“ (*Antonovsky) entstammt der Salutogenese und ist das Gegenstück der Pathogenese, die auch in der Gestalttherapie kritisch betrachtet wird. Vor allem die Diagnostik und die Pathologisierung von Klienten. Für Antonovsky ist das Kohärenzgefühl eine sowohl allgemeine kognitive als auch emotional-motivationale Grundhaltung einer Person, eine Art von Weltanschauung. Sie entscheidet maßgeblich darüber, wie sich jemand zu den Dingen, mit denen er im Laufe seines Lebens umzugehen hat, stellen kann und wie er sie für sich verarbeitet.

Drei Komponenten bestimmen nach Antonovsky das Kohärenzgefühl:

  1. Verstehbarkeit: Das ist die Fähigkeit, die wichtigen Zusammenhänge des Lebens zu verstehen und einordnen zu können. Die Herausforderungen der eigenen Lebenswelt werden dabei als nachvollziehbar und eingängig wahrgenommen. 
  2. Handhabbarkeit: Damit ist die Machbarkeit gemeint, woraus die Überzeugung resultiert, das Leben selbst gestalten zu können. Um mögliche Krisen zu bewältigen, stehen ausreichend Ressourcen zur Verfügung. Diese werden entweder selbst oder von nahestehenden Personen kontrolliert.
  3. Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit: Hiermit ist nicht nur die Überzeugung gemeint, dass das Leben Sinn macht. Es besteht der Glaube an einen Sinn, dass das Angehen konkreter Herausforderungen lohnenswert ist.

Diese drei Komponenten sind außerdem zwei Einflüssen unterliegen. Erstens haben die eigenen Ressourcen einen großen Einfluss, vor allem auf die Handhabbarkeit. Wenn die Überzeugung besteht, die passenden Ressourcen zur Bewältigung von Krisen zu haben, steigt auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Dabei ist es nicht wichtig, ob die Ressourcen tatsächlich helfen, die Überzeugung der Machbarkeit senken die Selbstzweifel und diese hemmen somit nicht mehr die Bewältigung des Hindernisses.

Zweitens wirken die externen Stimuli, wie Antonovsky sie nannte, auf die Komponenten. Damit sind die inneren und äußeren Umstände in einer bestimmten Situation gemeint. Wenn diese Stimuli also als strukturiert, vorhersehbar und erklärbar wahrgenommen werden, sind sie die Grundlage für die Verstehbarkeit und die Sinnhaftigkeit.

Wenn wir in dem, was wir tun, Stimmigkeit fühlen, fördert das unsere innere Widerstandskraft und unsere Gesundheit.

Selbstwertgefühl

Das Selbst umfasst verschiedene Aspekte: Da ist zum einen das durch Selbstaufmerksamkeit und -wahrnehmung erworbene Wissen um die eigene Person, also im wahrsten Sinne des Wortes das »Selbst-Bild«. Hinzu kommt dann zweitens das Wissen über sich selbst, das durch soziale Interaktion erworben und durch das von anderen gegebene Feedback gewonnen wird. Durch dieses Fremdbild wird das Selbstbild ergänzt oder auch korrigiert, auf jeden Fall aber gibt es dazu Anlass, es erneut zu reflektieren.

Die Höhe des Selbstwerts bemisst sich zum einen aus dem Verhältnis zwischen den Ansprüchen, die man an sich selbst stellt, und der Wahrnehmung der eigenen Kompetenzen bzw. auch aus der Anerkennung, die man von anderen erhält.

Entsprechend dem Modell von Friederike Potreck-Rose und Gitta Jacob ruht der Selbstwert auf den vier Säulen Selbstakzeptanz, Selbstvertrauen, soziale Kompetenz und soziales Netz.

1. Selbstakzeptanz beschreibt im Wesentlichen die positive Einstellung zu sich selbst. Es geht um die Zufriedenheit und das Einverständnis mit der eigenen Person, um die Fähigkeit, sich selbst wertschätzen zu können und sich mit sich selbst, mit den und trotz der eigenen Ecken und Kanten, wohl zu fühlen. Selbstakzeptanz bedeutet also, sich anzunehmen, wie man ist, mit allen Stärken und Schwächen, mit seinem Aussehen, seinen Bedürfnissen und Grenzen.

2. Selbstvertrauen gründet sich in einer positiven Einstellung gegenüber den eigenen Fähigkeiten und Leistungen sowie gegenüber dem eigenen Können und den damit erzielten Ergebnissen. Und natürlich spielt die Wechselwirkung zwischen Kompetenz bzw. Erfolgserlebnissen und Selbstvertrauen auch beim Aufbau desselben eine große Rolle. Die Folgen sind klar: Je mehr Erfolg, desto mehr Selbstvertrauen. Umgekehrt gilt: Je mehr Selbstvertrauen vorhanden ist, desto eher wird Kompetenz gezeigt.

3. Soziale Kompetenz beschreiben die Autorinnen als »das Erleben von Kontaktfähigkeit«. Sie ordnen dem die vielfältigen Fähigkeiten zu, die den Umgang mit anderen Menschen erfolgreich und befriedigend machen, und zwar unabhängig davon, ob es um die Gestaltung von Nähe und Distanz oder um den Umgang mit schwierigen Situationen geht. Sozial kompetent ist jemand, der flexibel reagieren und sich an Menschen und Situationen angemessen anpassen kann. Dazu gehören natürlich auch Fähigkeiten, sich abzugrenzen und Grenzziehungen anderer zuzulassen und zu respektieren.

4. Weil aber die Kontaktfähigkeit nicht gleichzusetzen ist mit einer guten sozialen Einbindung, verweisen Potreck-Rose und Jacob mit der ihr Konzept abschließenden vierten Säule auf das für den Selbstwert ebenso wichtige soziale Netz. Es geht hier darum, etwa in Partnerschaft, Familie, Freundes- und Kollegenkreis oder auch in lose Bekanntschaften real eingebunden zu sein. Dabei spielt nicht nur die Quantität, sondern vor allem die Qualität der Beziehungen (das heißt ihre Verlässlichkeit oder die Bedeutung, die man für andere hat) eine große Rolle.

Werte und Sinn

Positiven Einfluss auf die Resilienz hat außerdem auch die Fähigkeit, dem eigenen Leben einen Sinn und ein Ziel abgewinnen zu können.  Ob und wie diese Fragen nach dem Sinn des eigenen Lebens beantwortet werden können, hat Auswirkungen darauf, wie mit diesen Krisenerfahrungen umgegangen wird, wie schnell man sich von ihnen erholt, ob man sie als lösbare Aufgaben erkennen kann, die das Leben an einen stellt, kurz: ob man zu einer Einstellung findet, die es ermöglicht, auf konstruktive Weise mit der Belastung umzugehen. Denn wer in eine Sinnkrise gerät und solche Fragen völlig ausblendet bzw. keine Antwort auf sie findet, ist eher gefährdet, an einer Depression oder Angststörung zu erkranken, greift eher zu Drogen und hat ein erhöhtes Suizidrisiko.

Die Sinnfrage ermutigt dazu und hilft dabei, sein Leben in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Es geht darum, ein Verständnis für das, was geschieht, zu gewinnen. Es geht darum, einen Platz für sich zu finden.

Dass das Bedürfnis nach Sinn den Menschen seit jeher prägt, wird an den Weltanschauungssystemen deutlich, die er auf der Suche nach dem größeren Zusammenhang des Lebens geschaffen hat. Religionen bieten einen Bezugsrahmen an, in dem Menschen sich verorten und ihren Sinn erkennen können. Auch aktuelle Studien kommen immer wieder zu dem Ergebnis, dass Menschen mit einer ausgeprägten und aktiv gelebten Spiritualität für die Verarbeitung kritischer Lebensereignisse oder zur Bewältigung hoher Stressbelastungen eine wertvolle Ressource zur Verfügung haben: Diese hilft ihnen, mit entsprechenden Belastungen so umzugehen, dass Lebenszufriedenheit und Hoffnung erhalten bleiben. 

Aber auch jenseits spiritueller Praxis lässt sich Sinn finden und gibt es Werte, die zur Lebenszufriedenheit beitragen:

Bei der Frage nach den Werten, die zur Sinnfindung und zur Lebenszufriedenheit beitragen, unterscheidet die Psychologie zwischen sogenannten hedonistischen und eudämonistischen Werten. Während der auf den griechischen Philosophen Aristippos zurückgehende Hedonismus den momentanen Genuss, das Glück und die Lust als zentrale Ziele des Lebens betrachtet, verbindet der durch Aristoteles beeinflusste Eudämonismus das gute und sinnvolle Leben mit Werten der Tugend. Sind für das hedonistische Glück daher kurzfristiger Erfolg, Besitz, Status, Image und Konsum eher von Bedeutung, so geht es beim eudämonistischen Lebenssinn mehr um langfristige Dinge, die das Leben wert- und sinnvoll machen und zu denen vor allem gehören: der Zusammenhalt in der Familie oder überhaupt Beziehungen, der Einsatz für die Erreichung bestimmter Ziele im Beruf oder für die Gemeinschaft, in der man lebt und die man mitgestaltet, die Unterstützung Benachteiligter, der Kampf um Gerechtigkeit oder der Einsatz für den Schutz unserer natürlichen Umwelt. Tragfähig erweisen sich in Krisensituationen vor allem die eudämonistischen Werte, weil sie besonders Energie und Kraft geben, um durch die Krise hindurchzugehen.

Victor Frankls Beobachtungen in seinem Buch „Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager“ machen deutlich, was auch anderweitig in der Sinnforschung betont wird: Lebenssinn ist nicht gleichzusetzen mit momentan empfundenem Glück. Sinn kann vielmehr selbst in den dunkelsten Stunden einer Krise gesucht und gefunden werden.

Dies zeigt sich zum Beispiel auch in Studien zur posttraumatischen Reifung des Psychologen und Traumaforschers Stephen Joseph. Er beschreibt, wie Menschen sich durch die Bewältigung ihres Traumas als verwandelt erfuhren. Das Trauma ermöglichte »die Wahrnehmung neuer innerer Stärken und den Erwerb größerer Weisheit oder ausgeprägteren Mitgefühls«. Die Konfrontation mit einer lebensbedrohlichen Situation oder die Diagnose einer lebensbedrohlichen Krankheit kann aus der Lethargie des Alltags herausreißen, kann sensibel machen für das, was wirklich wichtig ist, für jene Ziele, die man im Leben eigentlich verfolgen will. Sie führt oftmals nicht nur dazu, dass sich der Betroffene persönlich verändert, sondern auch dazu, dass er seine Lebensziele oder die Beziehungen, in denen er lebt, neu definiert und sich neu orientiert.

Weitere Aspekte

In weiteren Abhandlungen zur Resilienz wird der sogenannte Begriff der Disziplin wichtig, etwa wenn es darum geht, trotz äußerer Enge oder auch Repressionen an einer festen Strukturierung des Tages oder der Erreichung der gesetzten Ziele festzuhalten. Außerdem geht es darum, durch Disziplinierung der eigenen Gedanken die Widerstandskraft zu stärken. Resignation, Selbstvergessenheit oder auch Verbitterung schwächen die Widerstandskraft und enden oft in Selbstaufgabe. Der Rückgriff auf philosophische und geistliche Quellen, die Orientierung bieten und Werkzeuge zur Verfügung stellen, kann im Gegensatz dazu dabei helfen, mit dem jeweiligen Leiden umzugehen und es in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Wie übe ich Resilienz und die Verbindung zur Gestalttherapie?

Organismische Selbstregulierung

Die Hypothese, dass der Organismus (der/die Patient:In als Ganzes) ständig bestrebt ist, ein inneres Gleichgewicht (Homöostase) aufrechtzuerhalten, kann man mit dem Resilienzbegriff kombinieren. Bei der Organismischen Selbstregulierung ist der Organismus fortwährend damit beschäftigt, auftretende Bedürfnisse (physiologischer, sozialer, emotionaler oder kognitiver Natur) zu befriedigen, um wieder in ein Gleichgewicht zu kommen. Dieses Gleichgewicht wird immer dann „gestört”, wenn ein Bedürfnis im Organismus auftaucht, welches nach Befriedigung verlangt. Der Organismus wird dann alle seine Möglichkeiten in Gang setzen, dieses Bedürfnis zu befriedigen, um wieder das verlorene Gleichgewicht zu erlangen. Dies kann er dadurch tun, dass er sich daran erinnert, wie er gleiche oder ähnliche Bedürfnisse in der Vergangenheit befriedigt hat, oder er entwickelt eine neue Strategie. Anschließend wird der Organismus aktiv und handelt entsprechend, bis sein Bedürfnis befriedigt ist. Aufgabe des Therapeuten:In ist es, mögliche Blockaden oder Stagnationen zu erkennen und die Wirkrichtung der organismischen Selbstregulation zu unterstützen. Die Therapie hilft, diese Bedürfnisse wahrzunehmen und besser zu kommunizieren, um mit Stress und belastenden Situationen anders umgehen zu können. 

Die Fähigkeit des Organismus zur Selbstregulierung wird mit der abgeschlossenen Gestalt, die wieder in den Hintergrund zurücktreten kann, erreicht. Wird dieser Gestaltbildungs- und vor allem Lösungsprozess durch seelische Verletzungen gestört, bleiben die Gestalten offen und drängen fortwährend zu einer Lösung. Eine Aufgabe in der Gestalttherapie ist es, diese offenen Gestalten zu erkennen und zu schließen. Das zentrale therapeutische Mittel der Gestalttherapie ist das „Gewahrwerden“ (Awareness), welches dem Menschen die Möglichkeit gibt, die offenen Gestalten bewusst zu schließen.

Die Organismische Selbstregulation kann man gleichsetzen mit dem ursprünglichen Resilienzbegriff aus der Werkstoffkunde, wo der Werkstoff nach Verformung oder Druckeinwirkung wieder in seine ursprüngliche Form zurückkehrt. Auf die Psyche bezogen bedeutet dies, dass wenn man als Therapeut:In die Organismische Selbstregulation unterstützt, der/die Klient:In in ein ursprüngliches Gleichgewicht kommen kann. Bei der Resilienz können Belastungen den/die Betroffene:n nicht aus der Bahn werfen. Das System strebt nach diesem Ursprungszustand der Homöostase und wird nach dem Durchlaufen der Stadien, des Ganzheitlichen Veränderungsprozesses von Staemmler und Bock, wieder in ein Gleichgewicht und zur Ruhe kommen.

Eigenverantwortung und Selbstwirksamkeit

Einer der größten Faktoren für Resilienz ist die Verantwortungsübernahme. Wenn ich mich frage, „Was kann ich für mich selbst tun?“, „Was tut mir gut?“, setze ich mich mit meinen eigenen Bedürfnissen und Wünschen auseinander und kann auch für sie einstehen. So erfahre ich mich wieder als Gestalter:In meines Lebens. 

Dies ist auch in der Gestalttherapie wichtig. Ein wichtiger Aspekt der Therapie ist, dass die Verantwortung für die Therapiestunde, den eigenen Prozess oder letztendlich das Leben immer bei:m (der) Klient:In liegt. Nur der/die Klient:In hat Wissen über die eigenen Bedürfnisse und Lösungswege, der/die Therapeut:In hilft lediglich diese zum Vorschein zu bringen. Gehen muss der/die Klient:In den Schritt zur Veränderung jedoch selbst. Somit wird immer an die Eigenverantwortung des/der Klienten:In appelliert, ob in der Resilienz oder in der (Gestalt-)therapie. 

Emotionsfokussierung

Ein Aspekt, Resilienz zu üben, ist, die eigene Abgrenzungsfähigkeit zu stärken und sich selber besser kennenzulernen. Das Wissen über die eigenen Emotionen wie Trauer, Wut, Angst ist dafür wichtig, um auf die eigenen Bedürfnisse, die diese Gefühle kommunizieren, einzugehen. Jede Emotion weist uns auf etwas hin und gibt uns Energie zum Handeln. Freude erzeugt Anziehung, Wut Ablehnung, Angst Vorsicht, Trauer Annahme. In der Gestalttherapie dürfen wir alles da sein lassen, was sich zeigen mag, alle Gefühle in einem sicheren Rahmen zum Vorschein kommen und erlebbar gemacht werden. Der Klient kann damit da sein und über das Bezeugen des Therapeuten auch mit dem Gefühl in Beziehung treten. 

Auch Gestalttherapeuten:Innen geben die eigenen Resonanzen und Gefühle preis, machen sich also sichtbar und können somit das eigene Erleben zur Verfügung stellen. Dies kann helfen, neuen Zugang zu dem eigenen Erleben zu fördern und eine Bewusstheit bzgl. der Gefühle und Bedürfnisse zu schaffen. Siehe dafür auch:

Achtsamkeit

Grundlage für das Training der Resilienz ist die Fähigkeit zur Selbstreflexion und die Bereitschaft zur und das Training der Achtsamkeit. Dies ist wichtig, um sich selbst, das heißt sowohl das körperliche Befinden als auch die eigenen Emotionen und Gedanken überhaupt wahrnehmen zu können.

Für ein Training der Resilienz sind deshalb Übungen der Achtsamkeit ein guter Einstieg. Zum einen haben sie an sich schon gesundheitsförderliche und stressreduzierende Wirkung. Zum anderen ermöglichen sie den Zugang zu den meisten der für die Resilienz maßgeblichen Faktoren und deren Förderung. Denn diese Resilienzfaktoren betreffen ja gerade jene inneren Prozesse, die oftmals und in großem Maße auf unbewusster Ebene und völlig automatisiert ablaufen – gerade und vor allem in Krisen und in Stresssituationen, bei denen unser Gehirn auf instinktive Reaktionsprogramme umschaltet, um das Überleben zu sichern. Die dann ablaufenden Reaktionen gleichen den unachtsamen Reaktionen im Autopilot-Modus. Sie sind im Normalfall nicht hilfreich, sondern erhalten ganz im Gegenteil die Krise eher aufrecht.

Der/die Gestalttherapeut:In hilft über die Fokussierung auf das Hier und Jetzt, die Achtsamkeit zu fördern und die durch die Stressreaktion entstehenden Teufelskreise zu durchbrechen und wieder Zugang zu den unbewussten Prozessen zu bekommen. Dies kann der/die Therapeut:In über phänomenologische Interventionen oder Rückfragen verdeutlichen. Damit wird eine nicht wertende Aufmerksamkeit für die im Augenblick vorhandenen Gedanken, Gefühle und auch Körperreaktionen trainiert. Erst durch dieses Bewusstwerden bekommen wir wieder die Möglichkeit, die eigenen Reaktionsweisen und -möglichkeiten zu verändern und zu erweitern.

Achtsamkeit, so beschreibt es Jon Kabat-Zinn, ist die nicht wertende Ausrichtung des Geistes und der Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt, das Spüren und Gewahrwerden dessen, was in diesem Moment, in diesem Augenblick ist. Genau das fördern und verdeutlichen Gestalttherapeuten:Innen über das, was sich beim (der) Klienten:In zeigt. 

Denn erst im achtsamen Sein, im Innehalten und im aufmerksamen Wahrnehmen, kann all das, was an emotionalen Regungen, an hilfreichen oder auch weniger hilfreichen Gedanken oder an körperlichen Spannungen da ist, überhaupt erst wahrgenommen werden. Abseits dieses Innehaltens verausgaben wir uns meist im endlosen Strom des Tätigseins, lassen uns treiben von inneren und äußeren Gedanken und Zwängen, manchmal ohne uns darüber bewusst zu werden, inwiefern dieses Tun überhaupt unseren Bedürfnissen, unserem Willen oder unseren Zielen entspricht. In der Einübung von Achtsamkeit kommt unser Geist zur Ruhe, und wir bekommen Zugang zu einem über unser Denken hinausgehenden Wissen um uns selbst.

Akzeptanz

Ein hilfreicher Schritt im Umgang mit belastenden Situationen kann darin bestehen, das anzunehmen, was ist. Wie häufig kommt es vor, dass wir uns den Weg zur Veränderung dadurch verbauen, dass wir die Realität, wie sie ist, ablehnen? Diese Ablehnung mündet oft in negativen Selbstgesprächen und Grübeleien, die dann wiederum in negativen Gefühlen und in einen inneren, manchmal auch einen äußeren kräftezehrenden Kampf münden. Ziel hier ist es, aufzuhören zu kämpfen und das zu akzeptieren, was ist. Wie Werner Bock schon so schön sagt: „Was ist, darf sein. Was sein darf, verändert sich.“ 

Akzeptanz als eine emotionsregulierende Bewältigungsstrategie besteht also darin, zunächst das anzunehmen, was ist. Oft wird dann eine Neubewertung der Situation oder auch der inneren Wirklichkeit möglich. Wie Sebastian Remmers in einer Längsschnittstudie zur Erfassung des Trauerverlaufs innerhalb des ersten Jahres nach dem Todesereignis belegen konnte, ist beim Tod des Partners die Akzeptanz des Geschehens der zentrale Faktor bei einer gelingenden Trauerverarbeitung. Selbst die Tatsache, dass Optimisten in einer solchen Krise weniger Belastung erleben als Pessimisten, scheint in der stärker ausgeprägten Fähigkeit zu Akzeptanz begründet.

Ein weiterer Bereich, in dem Akzeptanz ganz besonders eingeübt werden will, sind all die Interaktionen mit anderen, die nicht so funktionieren oder reagieren, wie wir es uns vielleicht wünschen würden. Es ist, wie es ist, und der/die andere ist, wie er/sie ist. Unsere Mitmenschen zu ändern: darauf haben wir weder einen Anspruch, noch wird es uns jemals gelingen. Letztlich gibt es nur einen Menschen, den wir verändern können: uns selbst. (Siehe Selbstwirksamkeit).

Die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind, hat viel mit einer entsprechenden inneren Haltung zu tun. Wenn es gelingt, Akzeptanz immer wieder einzuüben und damit das Unabänderliche anzunehmen, anzuerkennen oder loszulassen, dann eröffnen sich uns ungeahnte Freiräume. Derjenige/Diejenige kann sich dann ganz auf die Gegenwart und die Zukunft konzentrieren und Neues in Angriff nehmen.

Handlungspielräume ausnutzen

Wer das Unveränderliche akzeptiert, kann sich dann völlig auf das konzentrieren, was tatsächlich veränderbar ist bzw. in seinem Einflussbereich liegt. Der Blick wird frei für die offenen Spielräume und Handlungsmöglichkeiten. Beides, also sowohl Akzeptanz als auch die Ausrichtung auf die vorhandenen Möglichkeiten, befreit aus der Opferrolle und der empfundenen Hilflosigkeit. 

Wer sich auf die Handlungsspielräume konzentriert, übernimmt letztlich auch Verantwortung für das, was er tut oder auch unterlässt. Es stärkt das Gefühl von Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit, wenn wir das in den Blick nehmen, was wir auch tatsächlich ändern und gestalten können, und unsere Energie dann darauf ausrichten. 

Zusammenfassung: Wie übe ich Resilienz? 

Laut René Träder gibt es acht Resilienzbausteine für unseren mentalen Selbstschutz:

  1. Verantworungsübernahme: Raus aus der Opferrolle und sich selbst als Gestalter seines Lebens sehen. Autopiloten öfter mal ausschalten und sich fragen: Will ich das?
  2. Akzeptanz: „Gib mir die Gelassenheit, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
  3. Zukunfsorientierung: Warum handele ich so? Warum ist mir das wichtig? Wer sein Warum findet und weiß, welche Rolle seine Werte spielen, kann seine Zukunft gestalten. 
  4. Lösungsorientierung: Das Problem als Herausforderung sehen. „Nicht das Problem lösen, sondern sich vom Problem lösen“, da Lösungsorientiertes Denken eine Entscheidung ist. 
  5. Netzwerkorientierung: Resiliente Menschen haben ein stabiles, soziales Netz, das sie in schweren Zeiten auffängt. Dazu gehört: Freundschaften zu pflegen, zu schauen, dass Geben und Nehmen im Gleichgewicht sind.
  6. Optimismus: Dem Schlechten noch etwas Gutes abgewinnen, dankbar sein, einen Sinn erkennen – optimistische Menschen setzen sich mit ihrem Problem aktiv auseinander. Natürlich ist Realismus wichtig, also keine toxische Positivität. Und Hoffnung ist der beste Gegenspieler der Angst. 
  7. Selbstwirksamkeit: Ich kenne meine Kompetenzen und glaube daran, dass ich etwas bewirken kann. So wie Hilflosigkeit durch Demütigung und Gewalt in der Kindheit erlebt wird, kann man auch Selbstwirksamkeit erlernen. Schauen Sie auf Ihre Erfolge, suchen Sie sich Vorbilder und verlassen Sie öfter Ihre Komfortzone. 
  8. Erholung: Stress treibt uns zu Höchstleistungen, Dauerstress macht krank. Selbstfürsorge ist und bleibt die Basis.  

Fazit

Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen und sie durch den Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen als Anlass zur Entwicklung zu nutzen und sich nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Viele Aspekte der Resilienz finden sich auch in der Gestalttherapie wieder. Vor allem das Konzept der Organismischen Selbstregulierung lässt sich mit dem Resilienzbegriff in Einklang bringen, wenn das System (in Unterstützung mit dem/der Therapeuten:In) sich auf die Bewusstmachung und Befriedigung der Bedürfnisse einlässt. Der/die Klient:In will in den Grundzustand des Gleichgewichtes, Gestalten schließen sich und die Figur wandert wieder in den Hintergrund („Figur-Hintergrund“ und „Kontaktzyklus/Gestaltwelle“). Der/die Klient:In hat die Eigenverantwortung für sein/ihr Handeln und der/die Therapeut:In unterstützt auf dem Weg, sich seiner/ihrer Themen bewusst zu machen und mit Emotionen und Gefühlen gut umzugehen und auf die dahinterliegende Bedürfnisse einzugehen. Diese Themen sind essenzielle Resilienzfaktoren, wo Eigenverantwortung, Emotionsregulierung und Selbstwirksamkeit elementare Aspekte sind. 

Auch das phänomenologische Arbeiten mit dem, was sich im Hier und Jetzt zeigt, deckt sich mit dem Achtsamkeitsbegriff, in dem der/die Klient:In Unbewusstes in den Fokus rückt und somit zu neuen Handlungsspielräumen kommen kann. Veränderung kann laut der „Paradoxie der Veränderung“ erst geschehen, wenn Akzeptanz für das, was ist, da ist. »Änderungen finden von selbst statt. Wenn man tiefer in sich hineingeht, in das, was man ist, wenn man annimmt, was da vorhanden ist, dann ereignet sich der Wandel von selbst. Das ist das Paradox des Wandels.« (Perls 1974, Gestalttherapie in Aktion) 

In der Krise liegt auch eine Chance für ein neues Selbstverständnis mentaler Gesundheit. Resilienz beinhaltet nicht nur, wieder ins Gleichgewicht zu kommen, sondern kann auch helfen, über sich hinaus zu wachsen, wie der Begriff vom posttraumatischem Wachstum, in Anlehnung zur posttraumatischen Belastungsstörung, impliziert. 

In dem Sinne ein abschließendes Zitat von Bruno-Paul De Roeck, dem Autor von „Gras unter meinen Füßen“: 

»In der Gestalttherapie unterscheidet man nicht zwischen Gesunden und anderen Kranken. Gestalttherapie, oder einfach nur „Gestalt“, ist vielmehr eine Lebenseinstellung, die praktische Konsequenzen hat. Es geht um dich und mich und um unsere Erfahrung hier und jetzt. Wachstum ist hier das richtigere Wort als Therapie. Wachstum: spontaner, lebendiger und glücklicher sein. Deinen eigenen Kern mehr wertschätzen. Halberledigtes vollenden und neue Schritte wagen.“«

Quellen:

„Sich beugen und biegen, aber niemals brechen“ – (Alverde – Ausgabe Juli 2022)

„Resilienz: Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft – Was uns stark macht gegen Stress, Depression und Burn-out“ ~ Christina Berndt (dtv Verlag 2015)

„Der resiliente Mensch. Wie wir Krisen erleben und bewältigen.“ ~ Raffael Kalisch (Berlin Verlag 2017)

„Resilienz“ ~ Birgit Schäfer (Reclam Verlag 2017)

„The resilience factor“ ~ Karen Reivich und Andrew Shatté (Broadway Books 2003)

„Positivity: Top-Notch Research Reveals the 3-to-1 Ratio That Will Change Your Life“ ~ Barbara Fredrickson

„Resilienz-Mythen – Was wirklich hinter Resilienz steckt“ – https://www.resilienz-akademie.com/resilienz-mythen/ (Abgerufen 02.09.2022)

„Kohärenzgefühl“ – https://www.resilienz-akademie.com/kohaerenzgefuehl/ (Abgerufen 02.09.2022)

„Netzwerkorientierung und Resilienz“ – https://www.resilienz-akademie.com/netzwerkorientierung-und-resilienz/ (Abgerufen 02.09.2022)

Miguel

Ich bin Gestalt- und Traumatherapeut mit über 10 Jahren Erfahrung in persönlicher Entwicklung und Begleitung. Mein therapeutischer Ansatz verbindet Gestalttherapie mit systemischer Anteilearbeit – so unterstütze ich dich dabei, verborgene Dynamiken zu erkennen und nachhaltige Veränderung zu gestalten. Meine Kenntnisse im Heldenreisen-Seminarkontext hilft mir, dich auf deinem ganz persönlichen Entwicklungsweg zu begleiten, da wo du gerade stehst: raus aus alten Mustern, hin zu mehr Lebendigkeit und Selbstbestimmung.

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